Familienkurs für Familien mit sehgeschädigten Eltern

Antragsteller/in: Gudrun Badde, Bewegung in Dialog e.V.
Fördersumme: €
Jahr: 2010

Zusammenfassung
Der Familienkurs für Familien mit sehgeschädigten Eltern ist Teil der Konzeptentwicklung und Durchführung einer prozessorientierten Multiplikatoren-Fortbildung zur Entwicklung und Realisation eines bewegungsorientierten alltagsbezogenen Kursangebots für Familien mit sehgeschädigten Eltern. Im Familienkurs als Pilotkurs soll der Abgleich von Angebot, Angebotsform und Bedarfen der sehgeschädigten Eltern gewährleistet werden. Unsere Bezuggrößen hierfür sind: alltagsrelevante Themen, Anliegen, Fragen und Probleme hinsichtlich der elterlichen Aufgaben und ihrer Ziele.

Ziel der Multiplikatoren – Fortbildung ist, dass die TeilnehmerInnen Inhalte und Arbeitsansatz auf ihre Arbeitssituation übertragen und an ihren Einrichtungen Strukturen und Ressourcen schaffen können, die den im Kurs evaluierten Bedürfnissen der sehgeschädigten Eltern und deren Kinder gerecht werden.

Der Pilotkurs wird anhand der Reflektion der konkret im Kurs erlebten Angebote dazu dienen, im direkten Austausch mit der Elterngruppe, Themen und Fragen aus dem Alltag zu konkretisieren und hierfür passende Lösungen zu entwerfen. Dieser Austausch wird Grundlage für eine weitere Ausdifferenzierung des Kurskonzeptes sein, welches in einem weiteren Kursangebot umgesetzte werden soll. Außerdem werden die Ergebnisse Grundlage für eine Konzeption der ambulanten Unterstützung der Familien sein.

Ausgangslage und Problemstellung des Projektes
Die Idee eines Kursangebots für Familien mit sehgeschädigten Eltern wurde von Seiten betroffener Eltern als auch von Fachleuten an uns herangetragen. Familien mit blinden oder sehbehinderten Eltern werden oft von sinnesspezifischen Frühförder- und Beratungsstellen (z.B. in Hessen) betreut, obwohl die Kinder keine Behinderung zeigen. Dabei geht es vorrangig um die Unterstützung der blinden/ sehbehinderten Eltern im Umgang mit ihrem sehenden Kind. Für diese Aufgabe gibt es weder Konzepte noch handlungsweisende Richtlinien, an denen sich die KollegInnen orientieren könnten, was als großer Mangel empfunden und deren ungewünschte Auswirkungen beklagt werden. Insofern wird von Eltern wie Fachleuten gemeinsam gewünscht, Unterstützungsbedarfe und fachliche Kompetenzen zu einer besseren Passung zu bringen. Das Ziel eines Familienkurses, Eltern-kompetenzen durch die Gestaltung gemeinsamer Erlebniswelten von Kindern und Eltern zu stärken, wird von den Eltern sehr begrüßt. Diese Stärkung ist vor dem Erfahrungshintergrund sehgeschädigter Eltern, von Sehenden immer wieder kritisch beobachtet und bewertet zu werden, notwendig.

Kinder benötigen für eine gesunde Entwicklung vielfältige Bewegungsmöglichkeiten und -erfahrungen. Die Systemische Bewegungstherapie kann sehgeschädigte Eltern unterstützen, die Entwicklung ihrer Kinder durch kindgemäßes gemeinsames Bewegen und Handeln auch dahingehend zu fördern. Die bewegungsorientierte Entwicklung von Kommunikations- und Interaktionsweisen zwischen blinden Eltern und ihren sehenden Kindern hilft – so unsere Annahme – den Alltag so zu gestalten, dass trotz der Verschiedenheit ein gelingender, allseits förderlicher Umgang miteinander gelebt werden kann. Um dieses Miteinander so zu präzisieren, dass daraus ein hilfreiches Konzept entsteht, benötigen wir die Mitarbeit aller Beteiligten, d.h. die der Eltern und der Fachleute. Deshalb starten wir den Modellversuch: Familienkurs mit Familien mit sehgeschädigten Eltern.

Für die Unterstützungswünsche der Eltern und Kinder können letztlich erst in der direkten Kommunikation und Interaktion mit Eltern und Kindern Lösungen entwickelt werden. Das Projekt trägt den Erwartungen der Eltern bereits in der konzeptionellen Entwicklung Rechnung, indem die Familien in den Projektprozess mitgestaltend einbezogen werden. Die Zusammenarbeit von Familien und erfahrenen Fachleuten soll zu alltagsnahen und kompetenten Lösungen gemäß dem Leitmotiv „mit Familien für Familien“ führen.

Die Planung des ersten Kurses ist hinsichtlich der besonderen Interaktionssituation sehgeschädigter Eltern mit ihren sehenden Kindern und den hier ggf. auftauchenden Divergenzen z. B. zwischen den Spiel- und Bewegungsbedürfnissen der Kinder einerseits und den notwendigen Schutz und Sicherheit gewährleistenden Handlungsstrategien der Eltern andererseits hypothesengeleitet.

Charakteristik des Projektes
Dieses Projekt ist in hohem Maße innovativ, da es die individuelle Unterstützung sehgeschädigter Eltern erstmalig konzeptionell erarbeitet und in dem konkreten Angebot Familienkurs erprobt.
Es ist praxisorientiert ausgerichtet, da das Projekt die Erarbeitung und die praktische Durchführung des Kurses mit einer Fortbildung für Multiplikatoren verbindet und die Adressaten: „sehgeschädigte Eltern“ in den Prozess aktiv einbezieht. Durch den Transfer der Projektergebnisse in die Arbeitsfelder der FachkollegInnen hilft das Projekt, die bisherige Unterstützung strukturell und fachlich zu verbessern.
Es ist alltagsbezogen und setzt gezielt an den Bedarfen der Kundschaft an. Es stellt in Rechnung, dass Eltern und Kinder sich durch Interaktion zusammen entwickeln und setzt auf die Stärkung ihrer Zusammen-Handlungskompetenzen. Das gemeinsame Erleben der Familien im Rahmen des Familienkurses kann zudem zu langandauernden Kontakten und gegenseitiger Unterstützung der Familien führen. Je sicherer sich sehgeschädigte Eltern in ihrer Elternrolle fühlen, desto leichter wird es z. B. Angebote wie Spielnachmittage oder Ausflüge anzunehmen. Das Projekt setzt darauf, dass die Stärkung der Elternkompetenzen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schafft und damit auch die Bereitschaft der Eltern erhöht, sich in die sozialen Strukturen so z.B. auch in die Elternmitbestimmung von Kindergarten und Schule einzubringen. Die Mitwirkung in Gremien und/ oder die Partizipation an Familienangeboten fördert die Integration bzw. Inklusion dieser Familien und damit das bessere Verständnis für/von Menschen/ Eltern mit einer Sehschädigung, dies fördert auch die Chancen für eine positive Entwicklung der Kinder.

Evaluation und Fortführung des Kursangebote
Instrumente der Evaluierung werden verschiedene Fragebögen sein:

  1. Elternfragebogen im Vorfeld des Kurses:
    Einholen der Fragen und Themen, die sich aus dem Zusammenleben der Eltern mit ihren Kindern ergeben, und für die sie sich konkrete Unterstützung wünschen
  2. Elternfragebogen zur Kursreflektion:
    Auswertung des Kurses bzgl. Struktur, Inhalte, Atmosphäre, Zusammenarbeitsqualität, persönlicher Gewinn, vermutete Auswirkungen auf den Alltag
  3. Multiplikatorenfragebogen:
    zu den Prozessen der Kursentwicklung und Durchführung, zur Übertragbarkeit auf ihre jeweilige Institution/ Frühförderstelle mit Anpassung an die gegebenen Rahmenbedingungen, zur Befähigung der notwendigen Schritte.
  4. Elternfragebogen nach 12 Wochen:
    Welche Anregungen konnten im Alltag umgesetzt werden und wie? Wodurch kamen die Anregungen zustande? Was konnte nicht integriert werden? Was hätte hier ggf. geholfen?
  5. Multiplikatorenfragebogen nach 12 Wochen:
    Fragen zur Wirksamkeit der Fortbildung, zu ersten Schritten der Implementierung des Angebots, der Konzeption an der Einrichtung

Die genaue Entwicklung der Fragebögen wird Teil des Gesamtprojektes und der Multiplikatoren-fortbildung sein. Die Evaluation des Familienkurses wird vom Fachbereich Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund wissenschaftlich begleitet.

Kontakt
Gudrun Badde, Sozialpädagogin,
Bewegung in Dialog e.V., Geschäftsstelle Nord
Papenbusch 51, 48159 Münster
Bewegung im Dialog e. V.